AKTUELLES

Stille Helden

Ethisch-philosophisch leben in »Zeiten wie diesen«

Helden – solche kennen wir aus den Märchen und Mythen oder aus den »Actionfilmen« – aus dem täglichen Sprachgebrauch sind sie so gut wie verschwunden. Wer kann oder will heute noch ein Held sein und wer nennt einen anderen Menschen »Held«? In beinahe zahllosen Artikeln und Fernsehnachrichten (oder im YouTube) lesen, sehen, hören wir von Verzweiflungstaten, von zunehmender Depression, von Burn-out und schwindender Zivilcourage. Immer mehr Menschen schauen zu oder weg oder fotografieren/filmen mit ihrem Handy oder ähnlichem, wenn Unrecht geschieht oder einen anderen ein Unglück passiert. Immer mehr verstecken sich in der anonymen Masse. Gibt es wirklich keine Helden mehr, sind wir nur von Feiglingen umgeben? Ich glaube nicht, denn wie es in den »Geleitworten den Führenden«, 64 heißt:

Nicht Worte, sondern die Anspannung im Raume drängt Führende zu einem unabänderlichen Befehl. In einer schweren Stunde ist es nützlich, die Furcht zu überwinden. Es ist besonders schwer, das Bewusstsein der Einsamkeit zu überwinden. In weisen Legenden wird oft daran erinnert, dass die Schlacht allein zu schlagen ist. Der Kämpfer ist in einer Person der Kundschafter, Ratgeber, Entscheider und Held. Es fällt auf, dass dieses aus dem Wortschatz der alten Welt stammende Wort »Held« fast gänzlich ausgelöscht wurde. Im Leben kleiner Herzen ist ein Held fehl am Platz. Lernt es, den Platz eines Helden einnehmen zu können. Die Welt wird oft von der Wirklichkeit des Heldentums erschüttert werden.
Mögen sich Kinder als Helden fühlen und sich die Eigenschaften herausragender Menschen zuschreiben. Man soll ihnen klar verständliche Bücher geben, in welchen das Antlitz des Willens und der Arbeit ohne süße Beschönigungen gezeigt wird. Selbst vom medizinischen Standpunkt aus ist ein derart motivierender Ruf des Lebens unbedingt erforderlich. Unverzüglich ist derartiges Material zur Verfügung zu stellen. Behütet die Wenigen, welche zu geben imstande sind.“
Des Menschen Heldentum – oder sein Ethos – liegt bei den meisten aber im Verborgenen. Im Hintergrund des Bewusstseins zwar allgegenwärtig, braucht es doch zumeist einen starken »Stoß des Schicksals« um nach OBEN, in den Vordergrund gerückt und offenbar zu werden. Je zwingender und härter dieser Anstoß war, desto bestimmter tritt dann der »sokratische Daimon« (unsere innere göttliche Stimme) auf die Bühne des Geschehens. Je extremer die Umstände sind, desto deutlicher zeigt er seine Gestalt. In der Liebe, im Kampf, in der Kunst und auch – oder besonders – beim Philosophieren, bei der Suche nach dem Wissen und der Wahrheit – hier zeigt sich des Menschen Eigenart oder eben seine »Bestimmung« am eindrucksvollsten.
Wahrscheinlich ist jeder von uns angesichts eines schweren Schicksalsschlags schon irgendwann über sich selbst hinausgewachsen, vielleicht auch bei der Hilfeleistung für einen oder mehrere Mitmenschen oder wenn es galt, ein Unrecht zu beseitigen. In solchen Momenten, in denen wir bewusst oder auch unbewusst unseren ganzen Mut aufnehmen, unsere Ängste und Zweifel überwinden und einfach unserem Herzen folgen – begegnen wir dem stillen Helden in uns. Wir sind deshalb noch kein »Superstar«, kein Mohandas K. Gandhi oder Martin Luther King, und doch haben wir jenen Aspekt in uns zum Handeln gebracht, der uns ständig ermuntert, unser Schicksal selbstbestimmt und mutig in die Hand zu nehmen und eben eine »rechte Handlung« zu vollbringen. Wer in solchen Momenten seinem Gewissen folgt, das offensichtlichte Recht über den eigenen Vorteil stellt, der wird in diesem Moment – oftmals sogar unbewusst – zu einem stillen Helden.
Um in einer Zeit, wie wir sie zur Zeit gerade erleben, ein stiller Held zu sein oder zu werden, bedarf es jedoch einiger Eigenschaften und Vorzüge, die man vielleicht schon hat oder die zu erreichen das Ziel jedes philosophisch denkenden Menschen sein sollte; zunächst am Beispiel der »überbordenden Technik«.

Das »Technologische Zeitalter«
In allen möglichen Medien können wir hören, sehen oder lesen, dass wir jetzt in einem technologischen Zeitalter leben, und es werden die vielen Vorteile gepriesen, die es mit sich bringt. Es wird heute fast alles systematisiert, in allen Bereichen unseres Lebens sind wir mit Computern, Mobiltelefonen und Elektronik konfrontiert, alle möglichen Maschinen ersetzen mehr und mehr die menschliche Arbeitskraft und nehmen uns teilweise sogar das Denken ab. Die neuesten Kommunikationsmöglichkeiten und der immer dichter werdende Flugverkehr lassen unseren Planeten in gefühlter Weise immer kleiner werden, aber auch die Zeit wird uns in vielen Bereichen »zu wenig«. Und doch wird uns vielfach erklärt, dass wir kurz davor stünden, das erträumte Paradies zu erreichen – einen Alltag mit vielen freien Stunden, eine Woche mit mehreren arbeitsfreien Tagen und so viel Urlaub wie nie zuvor.
Aber zu den vielen Annehmlichkeiten mit ihren ebensovielen Widersprüchen kommt in der heutigen Zeit noch ein weiterer hinzu, dem wir wegen seiner Bedeutung unsere besondere Aufmerksamkeit widmen sollten. Die technisierte Welt versucht auf alle denkbaren Arten uns das materielle Leben zu erleichtern wo immer es geht – zum Wohle unseres psychischen, mentalen und spirituellen Lebens wurde aber so gut wie gar nichts unternommen. Auf den Universitäten vegetieren die Geisteswissenschaften mit minimalsten Budgets vor sich hin, denn die großen materiellen Zuwendungen werden unter dem Diktat des Nützlichkeitswahns den Naturwissenschaften geopfert. Jetzt könnte ein besonders Kluger mit erhobenem Zeigefinger einwenden, dass es der Psychologie mit ihren Nebenfächern gelungen ist, den Menschen in verschiedene Typologien zu katalogisieren und damit – im Falle einer psychischen Erkrankung – seine Behandlung erleichtert zu haben. Ja, das ist richtig, aber das Katalogisieren von Menschentypen in Fachbüchern mit interessanten Grafiken löst in keiner Weise das praktische Problem eines sich selbst gegenüber hilflosen Menschen. Wenn man weiß, dass man ängstlich ist, heißt das noch lange nicht, diese Angst geheilt zu haben; und wenn ich weiß, eine überschäumende Phantasie zu besitzen, hilft das nicht bei deren Beherrschung.
Die Menschen können heute eine Unzahl von Maschinen und Geräten bedienen, sie sind aber unfähig mit einer Depression umzugehen, können ihre Instinkte nicht zähmen, ihren Zorn nicht bremsen und schon gar nicht ihre eigene Spiritualität erwecken. Und es ist keinesfalls so, dass sie das nicht wollen – viele würden es gerne tun – sie wissen aber nicht wie sie das anstellen sollen. Die hoch gepriesene Technologie hat sich weder für diese Probleme interessiert, noch konnte sie ein System (oder eine Software, am besten eine »App fürs Handy«) entwickeln, mit dem die Menschen diese subjektiven Probleme oder Unwägbarkeiten ihres eigenen Inneren bewältigen könnten oder zumindest damit umzugehen lernen.
Während Wissenschaft und Technik sich ständig weiterentwickeln und dadurch der materielle Komfort und der Luxus immer größer werden, versinkt der Mensch immer tiefer in einer Verzweiflung seines unzufriedenen inneren Ichs. Je mehr Freizeit er hat, desto stärker wird seine Angst; je größer sein Luxus ist, desto stärker wird seine Gier und er wird unfähig, mit sich selbst allein zu sein, denn er begreift nicht die verborgenen Möglichkeiten dieses ihn ständig begleitenden, wundersamen Gefährten – seinem wahren ICH.
Die Maschinen sind weit davon entfernt, jenen Dienst zu erweisen, für den sie eigentlich entwickelt wurden. Sie haben die menschlichen Kräfte an sich gerissen und den Menschen, den sie eigentlich befreien oder unabhängiger machen sollten, regelrecht versklavt. Wir können uns ein Leben ohne Uhren, Computer, Handys, Lifte, elektrische Apparate, Fernseher, Autos etc. gar nicht mehr vorstellen. Und der Mensch erscheint angesichts der Technologie, die er selbst geschaffen, unnütz – er wird zur menschlichen »Ressource« und unterwirft sich dem technischen Diktat.
• Wir sprechen von der Systematisierung von Daten, können unser inneres Leben aber selbst nicht organisieren.
• Wir kämpfen gegen eine unfassbare Umweltverschmutzung durch die Verbrennungsmotoren, durch eine nicht für mögliche gehaltene Menge an Plastikmüll, durch den radioaktiven Abfall der Atomkraftwerke, durch … usw., können aber die eigenen schlechten Gedanken und Gefühle nicht vermeiden.
• Wir bewundern die unglaublichen Geschwindigkeiten unserer Autos, Flugzeuge und Raketen – unsere eigene Erkenntnisfähigkeit können wir aber nicht beschleunigen.
• Wir sprechen von Frieden, von Liebe und von den Menschenrechten, sind selbst aber kaum mehr fähig ehrlich zu lieben und in Frieden zu leben; und noch weniger verstehen wir die Menschenrechte, und zwar aus dem simplen Grund, weil wir die Menschen selbst nicht mehr verstehen.
Technologisches Zeitalter? Befreiung? Beherrschung des Lebens? – Vergessen wir doch diese vielen widersprüchlichen Schlagworte und erkennen wir endlich, dass nur der Mensch selbst der Meister in der schwierigen und zugleich wundervollen Kunst der Selbsterkenntnis ist, die der Freiheit und dem Leben Sinn und Wert verleihen kann. Nur er kann eine sinnvolle Symbiose zwischen Technik und Spiritualität herstellen und zum Wohle der gesamten Menschheit einsetzen.
Ein »stiller Held« sollte deshalb versuchen eine »Neue Zeit der alten Wissenschaft« einzuleiten, indem er z. B. nur auf die Inschrift des Apollon-Tempels in Delphi am Hang des Parnass hinweist, wo wir Folgendes lesen können: »Gnothi Seautón«, »Erkenne dich selbst! Werde, der du bist«! Nämlich, so wie uns Sokrates erklärt hat, das zu erkennen, was der Mensch in seiner Wirklichkeit ist: „Eine den Körper bewohnende und gebrauchende – unsterbliche und gottähnliche Seele.“
Deshalb sollte es uns Menschen ein großes Lebensziel sein, ein Führer unserer gottähnlichen Seele zu sein oder jedenfalls danach zu streben ein solcher zu werden. Ist ein Mensch erst einmal auf einem solchen Weg und hat das Glück, einen geistigen Führer getroffen zu haben, dann sollte er auch versuchen, seinen ebenfalls den geistigen Weg suchenden Mitmenschen selbst als Führer zu dienen. Von solchen Führenden wird allerdings einiges erwartet und verlangt, wie wir z. B. in den »Geleitworten den Führenden« im Punkt 4 lesen können:
„Man könnte fragen, weshalb von Führenden und nicht von Regierenden gesprochen wird? Der Unterschied zwischen beiden ist gewaltig. Regierende lenken etwas bereits Bestehendes, also die Gegenwart, doch Führende offenbaren, in der eigentlichen Bedeutung des Wortes, die Zukunft. Sie haben nichts bereits Gestaltetes übernommen, sondern ihre Taten streben vorwärts und führen dadurch in die Zukunft. Regenten kennen das bereits Gestaltete, Abgeschlossene; doch Führende haben nichts, was vorher festgelegt worden wäre, sie müssen das Volk bis zum Gipfel der Vervollkommnung führen. Wenn die Last Regierender groß ist, so ist die Verantwortung Führender noch größer. Deshalb bestätigen die HÖHEREN KRÄFTE ihren Thron auch dort, wo die Zeichen wahrer Führerschaft vorhanden sind. Führende müssen unterscheiden können, wo Heuchelei und wo Aufrichtigkeit herrscht. Herzenstugend unterscheidet sich sehr von erzwungener Dienstbereitschaft; besonders Führende müssen diese Eigenschaften klar voneinander unterscheiden können.
Viele haben gelesen, dass David die HÖHEREN KRÄFTE um Rat fragte. Er eilte zu dieser Quelle, um unnötige Fehler zu vermeiden. Solche Beispiele gibt es viele in der Geschichte verschiedener Völker. Jeder kennt sie. Man braucht sich nicht einmal in alte Zeiten zu versenken, auch bei neuesten Ereignissen sind diese Zeichen der HOHEN VERBINDUNG und des GROSSEN DIENENS sichtbar. Wir wissen auch, dass die HOHE VERBINDUNG ein reines Herz erfordert. Unreinen kann die Möglichkeit nicht gegeben werden, daher wird die BEISPIELHAFTE Herzensreinheit Führende kennzeichnen. Nicht nur in ihren Taten, sondern auch in ihren Gedanken bringen Führende den Völkern das Wohl. Sie wissen, dass es ihnen anvertraut wurde, einen vollen Kelch zu bringen, ohne sich in Irrwegen zu verlieren. Sie werden den anvertrauten Kelch nicht verschütten – somit sind die Ideen und Vorstellungen von Führenden Kennzeichen der ZUKUNFT.“
Damit in der Zukunft der Menschheit ein besseres »Miteinander und Zusammenleben« gelingt, können uns aber auch Lehren aus der Vergangenheit hilfreich sein, welche uns wieder neue Aspekte eines ethischen Lebens aufzeigen. Dazu passend habe ich einen Text in dem »Buch der Goldenen Regeln« gefunden, abgedruckt im Buch »Die Stimme der Stille« und übersetzt mit dem Bemühen die Schönheit dieser Sprache wiederzugeben von Helena Blavatzky:
„Handle du heute für sie, und sie werden morgen für dich handeln. Es ist die Knospe der Selbstverleugnung, aus der die süße Frucht der endgültigen Befreiung entspringt. – Zum Untergang verurteilt ist, wer es unterlässt, dem Menschen zu helfen aus Furcht vor Mára, aus der Furcht, für sein eigenes Selbst zu handeln. Der Pilger, der seine müden Glieder im dahinfließenden Wasser kühlen möchte, jedoch aus Angst vor der Strömung nicht hinein zu tauchen wagt, läuft Gefahr, der Hitze zu erliegen. Untätigkeit aus selbstsüchtiger Furcht kann nur üble Frucht tragen.
Der selbstsüchtige Eiferer lebt ohne Ziel. Der Mensch, der die ihm gestellte Aufgabe in seinem Leben nicht erfüllt – hat vergebens gelebt. Folge dem Rat des Lebens, folge dem Rat der Pflicht gegenüber der Menschheit und der Familie, gegenüber Freund und Feind, und verschließe dich der Lust und dem Schmerz. Erschöpfe das Gesetz karmischen Ausgleichs. Erwirb Siddhis (»übernatürliche Kräfte und Fähigkeiten«) für deine künftige Wiedergeburt. Kannst du nicht Sonne sein, so sei ein bescheidener Planet. Ja, wenn es dir versagt ist, gleich der Mittagssonne auf den schneebedeckten Berg ewiger Reinheit herab zu strahlen, dann o Anfänger wähle einen bescheideneren Weg.
Weise den Weg – mag er auch unbedeutend sein und sich verlieren in den himmlischen Scharen –, so wie der Abendstern jenen leuchtet, die ihren Pfad im Dunkeln gehen. Sieh auf zu Migmar (Mars), sieh, wie sein Auge in roten Schleiern über die schlummernde Erde schweift. Sieh die feurige Aura der Hand des Lhagpa (Merkur), ausgestreckt in schützender Liebe über den Häuptern seiner Asketen. Beide sind nun, da er fern ist, »Dienende Nyimas« (Sonnen), zurückgelassen als stille Wächter in der Nacht. Und doch waren beide in vergangenen Kalpas strahlende Nyimas und mögen in künftigen Tagen wieder zwei Sonnen werden. So ist das Fallen und Steigen des karmischen Gesetzes in der Natur.
Sei wie sie, o Lanu. Gib Licht und Trost dem mühevollen Pilger, und suche den, der noch weniger weiß als du, der in erbärmlicher Verlassenheit nach dem Brot der Weisheit hungert und nach dem Brot, das den Schatten nährt – ihn, der ohne Lehrer, ohne Hoffnung oder Trost ist, lass das Gesetz hören. Sag ihm, o Aspirant, wer Stolz und Eigennutz zu Dienern seiner Hingabe macht, wer noch am Dasein haftet und dennoch seine Geduld und seinen Gehorsam dem Gesetz unterwirft, gleich einer zu Füßen des Shakya-Thub-pa (Buddha) gelegten lieblichen Blume, der wird noch in dieser Geburt ein Srótápatti. Die Siddhis der Vollendung mögen noch in weiter Ferne liegen; doch der erste Schritt ist getan, er ist in den Strom eingetreten und kann das scharfe Auge des Bergadlers und das feine Ohr des scheuen Rehs erlangen. Sag ihm, o Aspirant, dass wahre Hingabe ihm das Wissen wiederzubringen vermag, jenes Wissen, das er in früheren Geburten besaß. Deva-Sicht und Deva-Gehör werden nicht in einem kurzen Leben erworben.
Sei bescheiden, wenn du Weisheit erlangen willst. Sei noch bescheidener, wenn du Weisheit besitzt. Sei wie der Ozean, der alle Ströme und Flüsse in sich aufnimmt. Des Ozeans machtvolle Ruhe bleibt unbewegt, er spürt sie nicht. Zügle dein niederes Selbst durch dein Göttliches Selbst. Zügle das Göttliche durch das Ewige.
Ja, der ist groß, der die Begierde tötet. Noch größer ist der, in dem das Göttliche Selbst sogar das Wissen um die Begierde vernichtet hat. Beherrsche das Niedere, damit es da Höhere nicht befleckt. Der Weg zur endgültigen Freiheit liegt in deinem SELBST. Dieser Weg beginnt und endet außerhalb des Selbst (damit ist gemeint das persönliche, niedere Selbst).
… Keinem Kämpfer kann je das Recht verweigert werden, den Pfad zum Schlachtfeld zu betreten. Denn entweder wird er siegen oder fallen. Wahrlich, wenn er siegt, so wird Nirvána ihm gehören. Noch ehe er sein mühseliges Leben befreit hat von seinem Schatten, diesem fruchtbaren Schoß aller Qualen und unermesslichen Schmerzen – wird man ihn als großen und heiligen Buddha verehren.
Und selbst wenn er fällt, so fällt er doch nicht vergebens; die Feinde, die er in der letzten Schlacht erschlagen, sie werden bei der nächsten Geburt, die ihm beschieden ist, nicht wieder zum Leben erwachen.“
Welche »Feinde« hier gemeint sind werden wohl die meisten Leser erahnen, besonders dann, wenn sie sich auch mit dem großen indischen Epos der Bhagavad Gita und der großen Schlacht am Feld von »Kurukschetra« auseinandergesetzt haben. Gemeint sind damit unsere intellektuellen Kräfte, Begierden, Neigungen, Leidenschaften, welche uns aber auch als »Lehrer« hilfreich sein können, denn durch die von ihnen gewonnenen Erfahrungen kann sich der Mensch Stufe für Stufe zur Selbsterkenntnis emporschwingen. Deshalb ist jeder von uns aufgerufen, so wie Arjuna, der Held in der Bhagavad Gita, den Bogen wieder zu spannen und den Kampf gegen diese »Feinde« aufzunehmen.

Teil 2:

Hatte uns im ersten Beispiel ein stiller Held gezeigt wie man das »Technologische Zeitalter« mit Vernunft, Beherrschung und Befolgung von alten Weisheiten bewältigen kann, versuchen wir im 2. Beispiel dem Wort »Krise« den ihm anhaftenden und Angst machenden Unterton den Schrecken zu nehmen. 
Das Wort Krise kommt aus dem Altgriechischen krisis und bedeutet Wandel oder Veränderung; und diese Vorstellung der »Alten Griechen« über diesen Begriff ist heute aktueller denn je. Ob wir es nun wahrnehmen wollen oder nicht, ob wir die Scheuklappen benutzen oder mit offenen Augen und Ohren die Zeichen der Zeit erkennen, wir befinden uns in einer Zeit des Wandels, an einer Kreuzung, an der uns mehrere Wege zur Wahl stehen. In solchen Krisenzeiten, in denen sich vieles ändert, alte Werte verloren gehen, herrscht vielfach Unsicherheit, die Menschen zweifeln und manche verzweifeln; keiner will etwas riskieren, weil er nicht weiß, was morgen sein wird.
Und in solchen Krisenzeiten erleben wir auch vermehrt Auseinandersetzungen zwischen den Menschen. Da gibt es jene, die mit aller Macht Veränderungen herbeiführen wollen, und auf der anderen Seite stehen die, welche gegen jede Form von Veränderung sind und das Gute nur im traditionellen Althergebrachten sehen. Sie sehen nur das, was man an Gutem oder vermeintlich Gutem zurücklassen müsste, die anderen träumen von einer besseren Zukunft, in der alles Alte keinen Platz mehr hat. Jeder hat natürlich gute und die vermeintlich besseren Gründe, um seine Position zu verteidigen; und jeder verteidigt sie mit den für eine Krise typischen Mitteln: Gewalt und Unverständnis auch gegen die guten Gründe der Andersdenkenden.
Die Nostalgiker, die mit Wehmut auf die »gute alte Zeit« zurückblicken, werden verächtlich »Ewiggestrige« beschimpft. Sie werden scharf und teilweise gemein kritisiert, weil sie nicht mit Elan und Enthusiasmus in die Zukunft stürmen. Sie selbst fühlen sich aber durchaus nicht unbeweglich, sondern sie versuchen einfach, nicht alles Bisherige zu verwerfen und verdammen, sondern nützliche Erfahrungen und Bewährtes zu bewahren. Sie versuchen, Erinnerungen und Wissen zu hüten, so wie das Eichhörnchen Vorräte sammelt, um in Zukunft davon gut leben zu können.
Jene, welche ausschließlich in die Zukunft schauen – die sie allerdings noch nicht kennen –, werden verächtlich »Revolutionäre« oder »Revoluzzer« genannt. Für sie ist das Gegenwärtige untauglich und daher bleibt nur der ständige Wandel, der radikale Bruch mit dem Alten und die Bewunderung des Neuen, das aus diesem Grund auch besser sein muss. Sie selbst fühlen sich nicht als Revolutionäre im zerstörerischen Sinne des Wortes – wobei dieses Wort ohnehin zu überdenken ist, denn Wortstamm revolvere oder revolvo bedeutet eigentlich wiederholen, zurückdrehen, überdenken, zurückführen – denn sie haben festgestellt, dass keine der bisher vorgeschlagenen und gelebten Lösungen der Menschheit das ersehnte Glück gebracht hat. Sie gehen davon aus, dass sich die Lösung von allem bisher Bekannten unterscheiden muss, und die bisher verwendeten Mittel als unbrauchbar zu verwerfen sind.
In einer Krise, in Zeiten des Wandels, an einem Wendepunkt der Geschichte ist es schwierig, klar zu sehen und das Wesentliche zu erkennen. Beide Extreme entfernen sich aufgrund ihrer eingeschränkten Sichtweise voneinander und tragen nichts zu einer ausgewogenen Lösung bei. Die alten, klassischen Philosophen der platonischen Schule schlagen vor, sich in einer Krise – möge dieser Vergleich und der Vorschlag helfen – an die geometrische Form eines Winkels zu erinnern, mit seinen zwei in verschiedene Richtungen weisenden Winkeln, die aber letztendlich in einem Scheitelpunkt zusammenlaufen.
• In der Vergangenheit gab es zweifellos verbrauchte und ungeeignete Elemente, die nachweislich fehlschlugen oder einfach schlecht und wertlos waren. Aber in der Vergangenheit wurden auch viele Erfahrungen gemacht, welche – vielleicht etwas modifiziert – wieder Erfolge bringen können und helfen, Fehlschläge zu vermeiden.
• In der Zukunft werden mit Sicherheit neue und großartige Dinge geschehen, welche wir nicht ignorieren können und denen wir mit Zuversicht entgegengehen sollten. Aber man darf nicht von vornherein davon ausgehen, dass in der Zukunft alles besser sein wird, nur weil es anders sein wird.
Eine Krise kann nicht ewig dauern und Wandel bedeutet Erneuerung. Wandel bedeutet auch, auf den Fundamenten der alten mächtigen Bauwerke etwas Neues aufzubauen, welches nach Möglichkeit das Vergangene an Schönheit und Beständigkeit übertrifft und allen am Bau konstruktiv Beteiligten große Freude bereitet.
Auch in den »Geleitworten den Führenden« wird darauf hingewiesen, dass es in der Vergangenheit hochentwickeltes Wissen gab, und man dieses nur behutsam erneuern und Überlebtes entfernen sollte, um es nutzbringend in der Gegenwart verwenden zu können.
Es heißt im § 74: Führende treten offen gegen Vorurteile und überlebte Elemente der Vergangenheit auf. Und gerade aus dieser Einstellung heraus sorgen sie dafür, dass man sich fremden Bräuchen gegenüber behutsam verhält. Oft liegt solchen Bräuchen ein hochentwickeltes Wissen zugrunde, und in solch einem Fall braucht man nur alles Hinzugefügte entfernen. Die Bedeutung einer geistvollen Grundlage zu zerstören wäre unverantwortlich. Wenn ein Baumeister ein festes Fundament vorfindet, so wird er es für das neue Gebäude verwenden. Es bedarf weltweit der Wirtschaftlichkeit sämtlicher Mittel. Der Luxus der Zerstörung gehört der Vergangenheit an. Die Welt braucht keine neuen Elemente, sondern neue Verbindungen. Der Weg zu neuen Errungenschaften wird nicht vom Schein der Feuersbrünste erleuchtet, sondern durch die Funken der neu herbeigerufenen Energie.
Und mit den Funken der Energie ist es wieder ein Leichtes, zurückzukehren zum »Buch der Goldenen Regeln«, welches aus 90 verschiedenen kleinen Abhandlungen besteht, von denen Frau Blavatsky z. B. 39 auswendig lernte. Ein Mensch soll nämlich mit Ausdauer nach Selbsterkenntnis streben, sonst wird er Ratschlägen dieser Art nie ein williges Ohr leihen. „In dieser Übersetzung“, schreibt Frau Blavatsky, „habe ich mich bemüht, die poetische Schönheit der Sprache und der Bilder zu erhalten, die das Original auszeichnet. Wieweit ich damit Erfolg gehabt habe, möge der Leser entscheiden.“
… Bevor die Seele hören kann, muss das Abbild (der Mensch) taub geworden sein für Gebrüll wie für Flüstern, für das wilde Trompeten von Elefanten wie für das feine Summen des goldenen Leuchtkäfers. Bevor die Seele verstehen und sich erinnern kann, muss sie vereint sein mit dem »Schweigenden Sprecher«, gerade so wie die Form, zu der der Ton gestaltet wird, zuerst mit den Vorstellungen des Töpfers eine Einheit bildet. Denn dann wird die Seele hören und sich erinnern.
Und dann wird zum inneren Ohr »DIE STIMME DER STILLE« sprechen und sagen: „Wenn deine Seele lächelt beim Bad im Sonnenschein deines Lebens; wenn deine Seele singt in ihrer Hülle aus Fleisch und Materie; wenn deine Seele weint in den Mauern ihrer Täuschungen; wenn deine Seele drängt, die Silberschnur zu zerreißen, die sie an den MEISTER (gemeint ist hier das »Höhere Selbst«) bindet, – dann wisse, o Schüler, dass deine Seele der Erde angehört.
Wenn deine erblühende Seele (bedeutet hier das menschliche Ego) dem Tumult der Welt ihr Ohr leiht; wenn deine Seele auf die donnernde Stimme der großen Täuschung (das ist Maha Maya, das objektive Universum) antwortet; wenn deine Seele, erschreckt vom Anblick heißer Schmerzenstränen, betäubt von Schreien der Verzweiflung, sich der Schildkröte gleich in den Panzer der Selbstheit zurückzieht – dann, o Schüler, lerne, dass deine Seele für ihren schweigenden »Gott« ein unwürdiger Schrein ist.
Wenn deine Seele, stärker werdend, ihrem sicheren Schlupfwinkel entgleitet, sich losreißt aus dem schützenden Schrein, ihre Silberschnur dehnt und vorwärts stürmt; wenn sie auf den Wogen des Raumes ihr eigenes Bild erblickt und flüstert: ,Dies bin ich‘ – dann, o Schüler, bekenne, dass deine Seele in den Netzen der Verblendung (die »Selbsttäuschung« der Persönlichkeit) gefangen ist.
Diese Erde, o Schüler, ist die Halle des Leides, in der – entlang des Pfades furchtbarer Prüfungen – Fallen gestellt sind, um dein EGO durch jene Verblendung zu betören, die »Große Ketzerei« genannt wird. (Attavada, die Ketzerei des Glaubens an das Getrenntsein der Seele oder des SELBSTES von dem Einen Universalen, Unendlichen SELBST.)
Diese Erde, o unwissender Schüler, ist nur der düstere Eingang, der zum Dämmerlicht führt, das vor dem Tal des wahren Lichts kommt – jenes Licht, das kein Wind auslöschen kann, jenes Licht, das brennt ohne Docht und Öl.“
Das »Große Gesetz« sagt: „Um Erkenner des ALL-SELBSTES zu werden, musst du zuerst Erkennender deines Selbstes sein“. Um Kenntnis dieses Selbstes zu erlangen, musst du dein Selbst dem Nicht-Selbst opfern, dein Sein dem Nicht-Sein. Dann kannst du zwischen den Schwingen des GROSSEN VOGELS ruhen. Ja, süß ist die Ruhe zwischen den Schwingen dessen, das weder geboren ist noch sterben wird, sondern das AUM durch ewige Zeiten ist. Schwinge dich auf den Vogel des Lebens, wenn du wissen willst.
(»Kala Hamsa«, der Vogel oder Schwan, kann beim Trinken die Milch der Weisheit vom Wasser des Nichtwissens trennen. Die Silbe »A« des AUM wird betrachtet als die rechte Schwinge des Vogels, »U« als seine linke, »M« als sein Schwanz und der Ardha-matra [Halbmeter] als sein Kopf. Ewige Zeiten steht in diesem Fall für ein »Lebensalter« Brahmas, das ist ein Kalpa mit 4.320,000.000 Jahren. Ein Yogi, der den Hamsa besteigt, d. h. sich in Betrachtung von AUM versenkt, bleibt unberührt von karmischen Einflüssen oder millionenfachen Sünden.)
Sieh die großen Seelenscharen. Sieh ihr Schweben über des Lebens sturmbewegtem Meer, sieh, wie sie erschöpft, blutend und mit gebrochenen Schwingen nacheinander in die schäumenden Wogen stürzen. Von grimmigen Winden hin- und hergeworfen, vom Sturm gejagt, treiben sie in den wirbelnden Fluten und versinken im Sog des ersten tiefen Abgrundes. Wenn du durch die Halle der Weisheit zum Tal der Glückseligkeit gelangen willst, Schüler, dann verschließe deine Sinne fest gegen die große, schreckliche Ketzerei des Getrenntseins, die dich von allem Übrigen entfernt.
Ringe mit deinen unreinen Gedanken, bevor sie dich überwältigen. Tue mit ihnen, was sie mit dir tun wollen, denn wenn du sie schonst und sie schlagen Wurzeln und wachsen, dann wisse, dass diese Gedanken dich überwältigen und töten werden. Hüte dich, Schüler, erlaube nicht einmal ihrem Schatten, sich dir zu nähern. Denn er wird wachsen in Größe und Kraft, und dann wird dieses finstere Ding dein Wesen verschlingen, ehe du die Gegenwart des schwarzen, widerwärtigen Ungeheuers noch richtig begreifst.
Es gibt nur einen Weg zu dem Pfad; erst ganz an seinem Ende ist die »Stimme der Stille« zu hören. Die Sprossen der Leiter, die der Kandidat hinaufsteigt, bestehen aus Leiden und Schmerzen; diese können nur durch die Stimme der Tugend zum Schweigen gebracht werden. Darum wehe dir, o Schüler, wenn du auch nur ein einziges Laster nicht überwunden hast. Denn dann wird die Leiter nachgeben und dich zu Fall bringen; sie steht im tiefen Unrat deiner Sünden und Schwächen, und ehe du versuchen kannst, diesen großen Abgrund der Materie zu überwinden, musst du deine Füße in den Wassern der Entsagung waschen. Soweit die »Stimme der Stille«, welche dem »Stillen Helden« wieder gute Ratschläge gab, um einen Weg aus der Krise zu finden.
Nun kommen wir auf ein weiteres und ständig präsentes Problem unserer Zeit, nämlich auf den »Stress«. Ein Modewort-Dauerbrenner. Warum stehen wir unter Stress? Weil wir zu Vieles innerhalb einer zu kurzen Zeitspanne erledigen wollen, hineinpacken – und das muss heute auch noch erledigt werden … – und dann sind wir endgültig erledigt. Die Arbeit verursacht Stress, das Studium, die Schulden, der Partner/die Partnerin, die tausend Verpflichtungen und die Probleme, die wir nicht lösen können und, und, und …
Unmittelbar nach einem Urlaub erscheint es uns häufig so, als sei er völlig umsonst gewesen, obwohl wir uns vorgenommen haben, dass wir uns dieses Mal wirklich nachhaltig und geruhsam erholen werden. Aber wissen wir überhaupt, wie man sich richtig erholt? Oder heißt gar nichts tun, nicht zu denken und eine Haltung anzunehmen, die sich vom Alltag total unterscheidet nicht einfach, dass wir uns für eine kurze Zeit nur verstecken wollen vor den Dingen, die uns nach unserer Rückkehr sofort wieder regelrecht zu erdrücken scheinen? Die wirklichen Pflichten und jene welche wir uns nur einbilden, belasten uns wie der sprichwörtliche Mühlstein um den Hals, und selbst unsere Rechte sind zumeist mehr Last als Freude. Schon sehnen wir uns nach dem nächsten Urlaub – und das wiederholt sich Jahr für Jahr, sodass wir uns fühlen wie der Hamster in seinem Laufrad. Aber, wie uns schon die Stoiker gelehrt haben, das Problem liegt in uns – nicht außerhalb.
Wenn wir verreisen, können wir uns nicht von unseren Sorgen befreien, sie reisen mit in unserem Koffer als gewichtsloses Gepäck. Wir sind uns selbst der größte Feind und die eigentliche Ursache für unseren Stress. Und der Stress entsteht grundsätzlich deshalb, weil wir in unseren Alltag zu viel hineinpressen. Als Philosophen – und besonders als Naturphilosophen im platonischen Sinn – sollten wir die tatsächliche Wichtigkeit dieser vielen uns belastenden Dinge prüfen. Sind sie wirklich alle so »überwichtig«? Oder ist es vielleicht möglich auszuwählen, zwischen den tatsächlich wichtigen, den weniger wichtigen und den völlig unwichtigen Dingen, die wir nur deshalb machen, weil wir uns selbst zu wichtig nehmen.
Wenn wir ernsthaft darüber nachdenken und entsprechende Prioritäten setzen, wird bestimmt der Zeitdruck abnehmen und sich der Stress peu à peu auflösen. Wir werden entdecken, dass es nicht die vielen, sondern vielmehr die unwichtigen Dinge sind, die uns in die Tretmühle gezwungen haben: Die vielen Aktivitäten, die zu nichts führen, das ständig in Bewegung sein müssen, ohne genau zu wissen wohin eigentlich; keine bestimmten, notwendigen und realistischen Ziele haben; das lässt den inneren Menschen langsam sterben, er erstickt regelrecht in einem absurden, komplexen und nervenaufreibenden Gefängnis, das man glaubt zum eigenen Schutz und für seinen persönlichen Erfolg errichtet zu haben.
Aber es bringt uns nichts, das wahre Ich so weit zuzudecken, bis es verschwunden ist. Das Unwichtige zerstört den höheren Menschen, den wir alle in uns tragen und der offene Fenster braucht, um nach draußen zu sehen und um sich ausdrücken zu können. Das Unwichtige erdrückt uns, es verhindert freudvoll zu leben, es demoralisiert und verhindert, wirklich müde zu werden und sich nachhaltig erholen zu können, denn es besitzt einen eigenen Rhythmus eines unersättlichen Wahnsinns.
Der innere Mensch braucht ebenfalls Luft und Licht, das heißt einige freudige Gedanken, und schon öffnen sich die Fenster für dieses höhere Ich; und der ständige Zeitdruck macht Platz für eine unerwartet eintretende Harmonie, in der Zeit, Raum und Energie mit dem Ewigen und Wesentlichen im Einklang stehen und auch unser Herz zu denken beginnt.
Auch ein »Führender« wird niemals Niedergeschlagenheit oder Stress-Symptome zeigen; in den §§ 108 und 109 erfahren wir:
Führende müssen beständig frohen Mutes sein, damit niemand durch eine Ausstrahlung von Niedergeschlagenheit durch sie betroffen wird. Doch diese frohe Spannkraft kann sich nur durch Hingabe an die HIERARCHIE festigen, indem diese Verbindung fest im Herzen verankert wird. Aus dieser QUELLE entsteht dann auch jene Freundlichkeit, welche selbst schwerst zu öffnende Tore aufschließt. Man muss das Bild  eines HIERARCHEN in sich haben, um in jeder Situation die Grundlage der Freundlichkeit zu finden. Man muss das FEURIGE SCHWERT DES ERZENGELS erkennen, um auch die Grenze der Gerechtigkeit zu erkennen. Wer könnte sonst aufzeigen, wann das Maß der Freundlichkeit erschöpft ist? Nur ein HIERARCH allein kann diese Entscheidung treffen. Ihr wisst, dass der FRIEDLICHSTE HELD Beispiele dafür gegeben hat.
Führende betrachten die tägliche Arbeit als einen Augenblick der Ewigkeit. Trotz der langsamen Evolution werden sie dennoch nicht müde. Nach menschlichen Maßstäben hat man viel Zeit, aber für Führende gelten andere Maßstäbe im Leben. Daher müssen sie fähig sein, sowohl zum Wohle von Nachzüglern aus auch von Pionieren zu helfen. Nur die Verbindung mit der HIERARCHIE verleiht Führenden die Maßstäbe der DREI WELTEN. Aus dieser Quelle stammt die Unermüdlichkeit von Führenden. Das menschliche Gehirn ist nicht imstande, ununterbrochen Arbeit zu leisten, nur die unerschöpfliche MACHT DER HIERARCHIE sendet Strahlen der Stärkung und lässt den Sinn der Arbeit erkennen. Ohne die HIERARCHIE sind Führende wie ein Grashalm im Sturmwind. Wer die Lichtstrahlen der FEURIGEN WELT aufnimmt, schmiedet seinen Panzer.
Und um die »Lichtstrahlen der FEURIGEN WELT« und das »Höhere Ich« besser zu verstehen, lassen wir zum Abschluss wieder »Die Stimme der Stille« sprechen:
Meide Unwissenheit und ebenso meide Illusionen. Wende dein Antlitz ab von den Trugbildern der Welt; misstraue deinen Sinnen, sie trügen. Aber suche in deinem Körper – dem Schrein deiner Sinne – im Unpersönlichen den »ewigen Menschen«; und wenn du ihn aufgespürt hast, blicke nach innen: Dann bist du ein »Erleuchteter«. Meide Lob, o Verehrender. Lob führt zu Selbsttäuschung. Dein Körper ist nicht das Selbst, dein SELBST ist ohne Körper, und weder Lob noch Tadel beeinflussen es. Selbstgefälligkeit, o Schüler, gleicht einem hohen Turm, auf den ein hochmütiger Narr gestiegen ist. Da sitzt er nun in eitler Einsamkeit, und niemand außer ihm selbst bemerkt ihn.
Falsche Gelehrsamkeit wird vom Weisen zurückgewiesen und vom Guten Gesetz in alle Winde zerstreut. Das Rad des Gesetzes dreht sich für alle, für die Bescheidenen und die Hochmütigen. Die »Lehre des Auges« ist für die Menge, die »Lehre des Herzens« für die Auserwählten. Die einen sagen voll Stolz: „Sieh, ich weiß“, die anderen, die Demut bewahrt haben, bekennen leise: „Das habe ich gehört“. »Das große Sieb«, o Schüler, wird die »Lehre des Herzens« genannt. Das Rad des Guten Gesetzes eilt voran. Es mahlt bei Tag und Nacht. Es scheidet die wertlose Spreu von goldenen Korn, den Abfall vom Mehl. Die Hand des Karma führt das Rad, seine Umdrehungen sind das Pochen des karmischen Herzens.
Wahres Wissen ist das Mehl, falsche Gelehrsamkeit die Spreu. Willst du vom Brot der Weisheit essen, musst du dein Mehl mit Amritas (die Unsterblichkeit) klaren Wassern kneten. Wenn du aber Spreu mit dem Tau von Maya knetest, bereitest du nur Speise für die schwarzen Tauben des Todes, jene Vögel der Geburt, des Verfalls und des Leides.
Soweit die »Stimme der Stille«, welche dem »Stillen Helden« abermals gute Ratschläge gab, um einen Ausweg aus dem Hamsterrad des Stresses zu finden. Weitere Ratschläge zu anderen Schwierigkeiten des Lebens könnt ihr im nächsten Brief lesen.

Teil 3:

In diesem (vorläufig?) letzten Teil des »Stillen Helden« geht es um den Drang oder Zwang vieler Menschen, etwas »Besonderes« sein zu wollen.
Eine der häufigsten Fragen, die sich deshalb die Menschen heutzutage stellen, lautet: „Wie schaffe ich es, erfolgreich oder etwas Besonderes zu sein?“ Ohne Zweifel versuchen fast alle Menschen, auf die eine oder andere Weise hervorzustechen und andere zu übertreffen, als ob dies das Wichtigste im Leben sei. Sei es nun durch sportliche, berufliche oder künstlerische Spitzenleistungen, durch besondere Schönheit, Klugheit oder nur dadurch, dass man besonders viele »Freunde« oder »Follower« auf Facebook, Instagram oder Twitter vorweisen kann, wobei des Letzteren sogar der aktuelle amerikanische Präsident mächtig ist. Man versucht, durch sein Tun Aufmerksamkeit zu erregen, »jemand zu sein« und keinesfalls in der Anonymität zu verschwinden, damit die eigene Person von möglichst vielen Menschen beachtet wird, und schon ist man ein »Influencer«, ein mediales Vorbild, das allein schon dadurch eine Menge Geld verdienen kann.
Das natürliche Lebensgesetz lässt uns handeln. Das unendliche Universum handelt, d. h. es ist in ständiger Bewegung und nimmt eine bestimmte Richtung, auch wenn wir nicht genau sagen können welche. Daher ist es nur natürlich, dass auch wir handeln, da wir als Menschen ja in die universalen Gesetze eingebunden sind. Und jede Handlung, ja jeder Gedanke zieht ein Ergebnis nach sich. Heute betrachtet man alle Handlungen und ihre Ergebnisse in erster Linie aus dem Blickwinkel eines schnellen Erfolgs: Es ist enorm wichtig, etwas Besonderes getan zu haben um etwas Besonderes zu sein; und es erscheint uns wichtiger, sich von den anderen abzuheben, als eine gute Handlung gesetzt zu haben. Es reicht schon der Anschein, dass man etwas Gutes gemacht hat.
Bei diesem ständigen Wettlauf des gegenseitigen Übertrumpfens können wir verschiedene Handlungsformen erkennen, z.B:
• Die Ehrgeizige, die sich anstrengt, fleißig lernt, ihre Möglichkeiten so gut es geht ausschöpft und innerhalb ihres Umfeldes hervorzustechen versucht.
• Der Rücksichtslose, der keine Mittel scheut um andere zu übertrumpfen, oft auch gegen sich selbst rücksichtslos ist, indem er bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit arbeitet, um den ersehnten, sichtbaren Erfolg zu erreichen.
• Der Bösartige, »Hinterfotzige«, der seine Mitmenschen als »Gegner« sieht, sie mobbt, in sozialen Medien Unwahrheiten über sie verbreitet und sie, wo immer es geht schlecht macht, um sich selber größer erscheinen zu lassen und damit den ersehnten Karrieresprung – oder was immer – zu erreichen.
Damit haben diese Menschen – oft allerdings nur kurzfristig – auch Erfolg; oft aber sind die erreichten Ergebnisse dieses Handelns ziemlich traurig. Dieses krankhafte, ehrgeizige und oft auch hinterhältige »Übertrumpfenwollen« schafft in vielen Fällen unzufriedene, unfreundliche, wenn nicht gar traumatisierte und neurotische Menschen: deprimiert, neidisch, aggressiv oder eingebildet, grausam und erbarmungslos – man muss gar nicht die ganzen Emporkömmlinge und Opportunisten aufzählen – jeder von euch kennt das und kennt mit Sicherheit auch genug eigene Beispiele.
Was hat das für einen Sinn, wohin führt ein solcher Weg? Sowohl die Geschichte als auch die persönlichen Erfahrungen zeigen uns, dass all diese durch solches Handeln erreichten Erfolge vergänglich sind. Was heute wertvoll ist oder uns zumindest wertvoll erscheint, wird morgen vielleicht schon wieder verurteilt oder verworfen – was gestern noch Grund zur Todesstrafe war, ist heute prestigeträchtige Werbung. Wozu also das Ganze – warum wollen wir andere übertrumpfen und wofür?
Nachdem so viele Menschen diesen Wunsch in sich tragen, etwas Besonderes zu sein, kann man durchaus davon ausgehen, dass ein natürlicher Impuls dahintersteckt, dass es eine grundlegende Eigenschaft des Menschen ist, ständig nach Mehr und Besserem zu streben. Um aber aus der Masse »herauszuragen« muss man zunächst einmal »Wachsen» – richtig wachsen und nicht vielleicht nur auf Stelzen gehen (was soviel heißt wie Wachstum nur vortäuschen). Es bedeutet, sich innerlich nach dem Höchsten, Besten und Schönsten zu strecken. Und es bedeutet auch, Respekt vor sich selbst zu haben, sich selbst wertzuschätzen und sich mit seinem eigenen Bewusstsein in Einklang zu bringen.
Es gibt mehrere Möglichkeiten bewusstseinsmäßig herauszuragen, von denen es scheint, dass sie heute bereits in Vergessenheit geraten sind, wie zum Beispiel:
• Sich selbst besser kennenzulernen und einzuschätzen, damit man die negativen Aspekte besser beherrschen lernt und die positiven stärker in den Vordergrund rückt.
• Ohne sich vielleicht sogar dafür zu schämen auf das Beispiel derer stützt, die sich für das Gute, das Schöne und Gerechte eingesetzt haben.
• Sich von den Zwängen der Mode, der Gesellschaft oder den psychologischen und irr- oder pseudorationalen Wahnvorstellungen der heutigen Zeit abwenden.
• Täglich versuchen, an der eigenen inneren Vervollkommnung und Bewusstseinserweiterung zu arbeiten.
Man sollte nicht nur für einen Augenblick – und mehr als ein Augenblick sind unsere Lebensjahre nicht – etwas Besonderes sein wollen, denn das führt genauso zur Verzweiflung oder Frustration wie das Nichterreichen von Statussymbolen. Dagegen ist es sinnvoll, ernsthaft und ständig an einem soliden, stabilen und ständigen inneren Wachstum zu arbeiten, das immer nach dem Nächstgrößeren und Nächstbesseren strebt.
Dass es notwendig und sinnvoll ist, etwas »Besonderes sein zu wollen«, erscheint logisch. Doch der Sinn dahinter und die Mittel, das Besondere zu erreichen, sollen und müssen von jedem ernsthaft hinterfragt werden. Denn sinnvoll ist nur, was uns langfristig nützt – und langfristig ist nicht auf eine Inkarnation beschränkt!
Um dieses Thema noch besser zu verstehen, lassen wir wieder Die Stimme der Stille sprechen, deren Ratschläge uns tatsächlich helfen können, etwas »Besonderes« zu werden, und lesen im Fragment III, »Die sieben Pforten«:
„Upádya“, (das ist der geistige Lehrer) ich habe gewählt, mich dürstet nach Weisheit. Nun, da du den Schleier vor dem Geheimen Pfad zerrissen und das »Mahayana« gelehrt hast, ist dein Diener bereit, deiner Führung zu folgen.“
Wohl an, Srávaka. (Das ist der Studierende) Bereite dich vor, denn allein musst du weiterwandern. Der Lehrer kann nur den Weg zeigen. Der Pfad ist für alle derselbe, die Mittel zum Erreichen des Ziels jedoch müssen für jeden Pilger verschieden sein. … Du musst dir den Weg durch sieben Pforten erkämpfen, sieben Festungen, verteidigt von grausam-listigen Mächten – fleischgewordenen Leidenschaften.
Sei guten Mutes, o Schüler, denk an die Goldene Regel. Sobald du das Tor Srotapati durchschritten hast und »ein in den Strom Eingetretener« geworden bist, sobald dein Fuß das Bett des nirvanischen Stromes betreten hat, sei es in diesem oder einem künftigen Leben, dann, o du mit dem diamantenen Willen°, hast du nur noch sieben weitere Geburten vor dir. Blicke nach vorn. Was siehst du vor dir, o du nach göttlicher Weisheit Strebender?
„Der Mantel der Finsternis ist über der Tiefe der Materie; in seinen Falten kämpfe ich. Unter meinen Augen, o Herr, mehr Tiefe – eine Bewegung meiner Hand verscheucht sie. Ein Schatten bewegt sich, kriecht gleich einer sich windenden Schlange – wächst, schwillt an und verschwindet in der Finsternis.“
Es ist dein eigener Schatten draußen vor dem Pfad, der auf das Dunkel deiner Sünden fällt.
„Ja, Herr, ich sehe den PFAD; er beginnt im Sumpf, seine Gipfel verlieren sich im herrlichen Licht Nirvanas. Und jetzt erkenne ich die immer enger werdenden Pforten auf dem harten und dornigen Weg zu Gnyana.“ (das ist Wissen, Weisheit)
Richtig erkannt, Lanu. Diese Pforten führen den Anwärter über die Wasser »zum anderen Ufer«. (Das Erreichen Nirvanas)  Jede Pforte hat einen goldenen Schlüssel, der ihre Tür öffnet. Und dies sind die Schlüssel:
1. DANA, der Schlüssel der Barmherzigkeit und unsterblichen Liebe.
2. SHILA, der Schlüssel der Harmonie in Wort und Tat; der Schlüssel, der Ursache und Wirkung ausgleicht und für karmisches Wirken keinen Raum mehr lässt.
3. KSHANTI, süße Geduld, durch nichts zu erschüttern.
4. VIRAG‘, Gleichmut gegenüber Freude und Schmerz; überwundene Illusion, Wahrnehmung allein der Wahrheit.
5. VIRYA, unerschütterliche Energie, die sich aus dem Sumpf irdischer Lügen den Weg zur höchsten Wahrheit erkämpft.
6. DHYANA, dessen goldenes Tor, einmal geöffnet, den Narjol, (Heiliger, Adept) in den Bereich des SAT und dessen immerwährender Betrachtung führt.
7. PRAJNA, dessen Schlüssel einen Menschen zum Gott verwandelt, ihn zum Bodhisattwa, einem Sohn der Dhyanis, macht.
Dies sind zu den Pforten die goldenen Schlüssel.
Bevor du dich der letzten nähern kannst, du, der du am Gewand deiner Freiheit webst, musst du meistern diese Páramitás (die 6 transzendentalen Tugenden) der Vollendung auf dem mühseligen Pfad – die erhabenen Tugenden, 6 und 10 (für die Priester) an der Zahl. Denn, o Schüler, ehe du befähigt wurdest, deinem Lehrer von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, deinem MEISTER von Licht zu Licht, was wurde dir gesagt?
Ehe du dem äußersten Tor nahekommen kannst, musst du lernen Körper und Geist zu trennen, den Schatten zu vertreiben und im Ewigen zu leben. Dies zu tun, musst du in allem leben und atmen, wie alles, was du wahrnimmst in dir atmet, musst spüren deine Teilhabe an allen Dingen, allen Dingen im SELBST.
Erlaube deinen Sinnen keinen Spielraum in deinem Denken.
Trenne nicht dein Sein von SEIN und allem anderen, sondern vereine das Meer mit dem Tropfen, den Tropfen mit dem Meer.
So sei ganz im Einklang mit allem Leben; liebe die Menschen, als seien sie deine brüderlichen Mitschüler, Schüler desselben Lehrers, Söhne derselben gütigen Mutter.
Jetzt komme ich nochmals zurück zum »diamantenen Willen«. Ihr werdet wahrscheinlich auch schon einmal, so wie ich, beim Lesen der Lehre über das Wort »Adamant« gestolpert sein, ohne zunächst zu wissen was es bedeutet. Seine etymologische Wurzel liegt im  griechischen »adámas« für »unbezwingbar« und mit der Verschmelzung der Silbe »dia« für »durchscheinen« wird daraus der Diamant. Damit werden die beiden Grundprinzipien des Diamanten ausgedrückt: Er vereinigt die unbezwingbare, ewige Dauerhaftigkeit mit der strahlenden Helle des Lichts. Diese beiden Aspekte sind aber nicht nur physisch, sondern auch im übertragenen Sinne gemeint – die Ewigkeit als Attribut einer göttlich-geistigen Ebene, die der irdisch-materiellen Vergänglichkeit gegenübersteht, und das makellose Licht von tugendhafter Reinheit, Klarheit oder Erleuchtung als Gegenpol zur Finsternis.
Die Wandlung von Finsternis zum Lichtglanz gelingt dem Diamanten durch einen Prozess der Transformation. In seiner atomaren Grundmaterie unterscheidet sich der Kohlenstoff des Diamanten nicht vom Kohlenstoff in der uns bekannten Kohle. Nicht die irdische Substanz, sondern die innere Natur ist das Besondere. Die inneren Bindungskräfte im Diamanten ordnen jedes Atom in Tetraeder-Formation und bewirken seine unvergleichliche Stabilität und Härte. Der Diamant repräsentiert perfekt die geometrische Figur des platonischen Körpers für das alchemische Element Feuer.
Durch diese sehr starke Kristallstruktur ist der Diamant fähig, Lichtstrahlen optisch zu brechen, anstatt sie zu schlucken wie die Kohle. Im Gegensatz zu dieser macht ihn das auch unentflammbar. Er ist kein Brennstoff mehr für physisches, wärmendes Feuer. Der natürliche Diamant braucht für sein Werden besondere Bedingungen in der Tiefe unseres Planeten. Verglichen mit der großen Menge an Kohlevorkommen ist er sehr selten. Die Idee der Alchemisten »von Blei zu Gold« für den Prozess der veredelnden Transformation passt für den Satz »von der Kohle zum Diamanten« noch besser.
Das Licht des Logos kann nicht durch den gewöhnlichen Menschen, der wie die dunkle Kohle alles absorbiert, dringen. Wer jedoch seine Persönlichkeit und Psyche harmonisiert und sich »kristallisiert«, indem er sein Denken und Fühlen an ethischen Werten ausrichtet, kann zu einer »Diamantseele« werden. Diese Idee finden wir auch in alten östlichen Weisheitslehren und sie erklärt, warum sich die in Tibet verbreitete buddhistische Lehre Vajrayana nennt, mit dem Vajra (Diamant) als zentralem Symbol und Werkzeug. Die innerlich durch gelebte Tugenden gefestigte Diamantseele ist immun gegen Verführungen jeglicher Art.
Kein Feuer der Leidenschaft kann sie verbrennen. Beim Einsatz von Talismanen vertraut man dem Prinzip der Resonanz und glaubt, dass die reine, klare, harte innere Struktur des Diamanten positiv die Menschenseele festigt. So genügte in früheren Zeiten die Form des Rohdiamanten und dessen natürlicher Lichtglanz den Herrschern und Magiern als Schmuck und Talisman. Nur Männern und den Statuen der Muttergottes war das Tragen von Diamanten erlaubt.
Ab dem Mittelalter perfektionierte man den Schliff von facettenreichen Formen für eine bessere Strahlkraft. Höhepunkt ist der Brillantschliff, durch den in idealer Weise auch äußerst schwaches Licht so gebündelt und gebrochen wird, dass es verstärkt als helles Leuchten aus der Mitte austritt. Der Wert steigt, je besser dieses innere Feuer erreicht wird. Symbolisch betrachtet bedeutet dies, dass unser menschlicher Charakter als Rohdiamant geboren wird. Die Schicksalsschläge und Prüfungen des Lebens dienen dazu, unseren Charakter zu stärken und zu veredeln, bis das innerste Licht der Seele hinaus strahlt, so wie es auch die Idee der Freimaurer gewesen ist.
Der Diamant ist kristallisierte Sonnenkraft. Er will im Licht mit seinem Licht funkeln. Und für alle, die sich einen Diamanten als Schmuckstück auf ihrer »Heldenbrust« nicht leisten können: Viel kostbarer und vor allem unvergänglich ist die Diamantseele in unserem Inneren.
Nach dieser lauten Laudatio zum Wert des Diamanten wieder zurück zur STIMME DER STILLE – sie wurde schon von vielen Meistern der Weisheit vernommen – und alle von IHNEN haben sie wiederum ihren Schülern gelehrt. Und viele dieser Schüler wurden wiederum zu stillen Helden und – zu FÜHRENDEN.
Heldentat bedeutet nicht verzichten, sondern ist Handlung und Aktion, wenn daher über Enthaltsamkeit gesprochen wird, so ist Tat gemeint. Es ist unmöglich, sich darunter nur die Eigenschaft des Verzichtens vorzustellen, denn in die Enthaltung hat sich das Verbot eingenistet. Handeln hingegen ist bewusster Einsatz.
Wenn Führende den erhabenen Aufbau der Zukunft verstanden haben, dann ist nichts mehr imstande, ihre geistige Entwicklung aufzuhalten. Treue – der Ausdruck geistiger Anspannung – und die Tat machen eine wahrhafte Heldentat zur Freude. Auf diese Art kann sich Heldentum entwickeln, da diese Erleuchtung alles Weitere mit sich bringt.
Strebt vorbei am Schmutz der Gegenwart in die Zukunft. Macht es richtig – es ist nicht angebracht zu zerstören, sondern es ist angebracht höchste Geduld aufzubringen. (§ 54)
Der Weg freudiger Heldentat ist hundertmal kürzer als der Weg beklagter Pflicht. Unerschütterlich müssen die Wanderer auf dem feurigen Pfad diesen Leitsatz vor Augen haben! Nur im Zeichen der Heldentat werden sie über der Gefahr stehen, doch der Wert der Heldentat muss im Herzen zu einer Freude des Geistes erzogen werden. Es ist unmöglich, den besten Weg zu erkennen, wenn das Auge nicht dem Leitstern der Heldentat folgt. Selbst das Finsterste muss mit diesem einzigartigen LICHT erhellt werden! Nichts und niemand kann den Menschen dazu zwingen, sich an die Finsternis zu wenden. (§ 188)
Wann wird die Menschheit endlich verstehen, worin die wahre Würde eines Volkes besteht? Wann wird die Menschheit begreifen, dass der innere Geist bewahrt werden muss, dass die Denker als Träger der Ideen wie eine einzigartige Quelle imstande sind, Völker zu führen? Daher ist es möglich, dass ein Volk seiner Kräfte oder sogar des bestätigenden Einflusses beraubt wird, indem seine Denkfähigkeit vernichtet wird. Deshalb muss sich jedes Volk vor allem um einen Steuermann bemühen, da ein steuerloses Boot keinen Sturm überstehen kann. Und daher müssen bedeutende Angelegenheiten eines Volkes und jeglicher Staatsaufbau auf HIERARCHIE gründen, denn jeder Aufbau muss von der MACHT VON OBEN getragen werden. (§ 191)
Für den Schluss dieser Texte habe ich mir noch einen Ausschnitt aus den Briefen von Helena Roerich ausgesucht, um dieser zu Beginn angesprochenen Cuvée den perfekten »langen Abgang« zu geben, welcher durch die Schönheit ihrer Sprache noch in uns nachklingen soll.
„Es freut mich zu hören, dass sich die Mitarbeiter bemühen, enger zusammenzuarbeiten und Gerechtigkeitsgefühl entwickeln. Ein starker Geist weiß, wie er sich von bestimmten Atavismen befreien kann, während das Gemeinschaftsgefühl und das Wahrnehmen des großen Bildnisses des Lehrers daran erinnern, dass bewusste Zusammenarbeit edel und freudvoll ist. Ein durch Liebe erwärmtes Herz wird eine herrliche Anziehungskraft ausstrahlen. Das Streben des Geistes bringt Mut und Gerechtigkeit.
Ihr seid uns alle teuer; sind wir nicht durch dieselbe Lehre, durch denselben Lehrer vereint? Wenn es uns gelingt, die flüsternden Schatten, Gereiztheit, Überempfindlichkeit und sorgloses Verhalten gegenüber der Arbeit zu vertreiben, werden wir mit riesigen Schritten voranschreiten. Ist es nicht schmerzlich, unbeweglich zu sein, an derselben Stelle zu verharren? Das größte Hindernis ist Überempfindlichkeit, sie hält uns zurück und zerstört dadurch unsere Strebsamkeit. Herrliche Möglichkeiten entgehen uns, wenn wir damit beschäftigt sind, Beschimpfungen und Verletzungen zu untersuchen, die wir uns in den meisten Fällen einbilden und selbst suggerieren. Wir wollen diese destruktiven Gewohnheiten ablegen und uns mit ganzem Herzen der Erfüllung der uns anvertrauten Aufgaben widmen! Legen wir unser ganzes Interesse, unser ganzes Leben in unsere Arbeit, und es wird ein Wunder geschehen. Gerade diese Selbstverneinung wird uns viele unerwartete und erhabene Freuden bringen.
Eine selbstsüchtige Person verurteilt sich selbst zu fürchterlicher Einsamkeit und gerät in Vergessenheit. Glück liegt darin, Liebe zu schenken; und glücklicher als derjenige, der geliebt wird, ist derjenige, der liebt. Wenn diese Wahrheit erkannt wird, wird sich alles Glück verwirklichen. Lernt zu lieben, bemüht euch, alles Schöne zu lieben und entwickelt ein aktives Mitgefühl für alles, was noch unvollkommen ist. Seid freundlich und höflich zu euren Untergebenen, denn darin liegt das Vorrecht und die Zierde des Geistes.“

Ja, und wer als Kind viele Märchen gelesen hat oder vorgelesen bekam, wird nach so schönen Worten möglicherweise erwarten, dass am Ende der Satz steht: „Und sie lebten glücklich und zufrieden …“ Wir aber wissen, dass noch viel Arbeit auf uns wartet, damit geträumte Märchen auch wahr werden können, und dazu wünsche ich euch viel Kraft und FREUDE.

Günter Fischwenger

Quellenhinweise: Delia Steinberg Guzmán: Der Held im Alltag; Neue Akropolis Eigenverlag, ISBN 3-9501438-0-7 • Geleitworte den Führenden, Spirale-Verlag GmbH, deutsche Redigierung R. M. Stangl; ISBN 3-928721-22-4 • Auszüge aus dem »Buch der Goldenen Regeln«; Übersetzung und Anmerkungen von H. P. Blavatsky, ADYAR Theosophische Verlagsgesellschaft, 2. Auflage; ISBN 3-927837-47-4.